Juneau
Geruchlos

 

Die Sonne kitzelte Jones Nase. Es war Freitag und seit Mittwoch war Marcus weg. Alles war so trostlos und leer gewesen. Jedes Zimmer hatte seinen Glanz verloren. Jone vermisste nach zwei Tagen ihren Mann dermaßen, dass es ihr fast das Herz zeriss, dabei waren sie immerhin 7 Jahre ein Paar gewesen. Doch sie wusste, dass sie eh kein normales Paar gewesen waren.Sie schlich in die Küche in der Hoffnung etwas zu finden woran sie sich festhalten konnte, doch bis auf ein Glas mit Marmelade, was dort seit Marcus' abreise stand und er offenbar vergessen hatte zuzumachen war in diesem Raum nichts, was darauf hindeutete, dass sie eine Liebende und keine verlassene Alte war.

Jone litt. Sie wusste nicht woran, aber täglich spielte sie mit dem Gedanken,  sich das Leben zu nehmen. Sie wollte nicht mehr sein. Auch wenn Marcus da war, sie hatte all ihre Freude am Leben verloren. 

Als sie sich mit Marcus vor zwei Jahren dafür entschied ein Kind zu bekommen, wusste sie bereits ganz genau was das für sie bedeuten konnte und seit zwei Monaten, seit dem sie Schwanger war, war es für sie als würde das Ding in ihrem Körper sie auffressen. Sie konnte essen was sie wollte und vor allem wie viel zu wollte, es war als würde es dem Ding nicht reichen. Dieses Ding war ebenfalls der Grund dafür, dass sie sich ein Mädchen wünschte. Sie wollte nicht mehr sein. Jone wusste was geschah, wenn sie ein Mädchen gebar, sie wusste, was mit ihrer Mutter geschehen war und mit all den Müttern vor ihr. Sie wusste, dass man diesen Fluch nur in der Wunschvorstellung brechen konnte. Eigentlich glaubte sie das, richtig Wissen tat sie es nicht. Aber sie wusste, das viele tapfere Männer vor ihrem, versuchten ihre Frauen davor zu bewahren, ihr Leben zu lassen. Jone hatte Angst um Marcus, wollte aber ihren Bruder um keinen Preis wiedersehen, was sie aber täte, würde sie Marcus nachreisen um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Jone saß in der Küche direkt am Fenster. Es war ihr Lieblingsplatz, seit sie in diese Wohnung gezogen waren. Sie grübelte vor sich hin, sang und erzählte. Keine bedeutenden Sätze und schon gar nicht mit Sinn oder Zusammenhang, sie wollte einfach nur eine Stimme hören, denn nicht einmal die Geräusche um sie herum konnten dafür sorgen, dass sie sich nicht komplett alleine fühlte.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch die Nase durch. Sie konnte nichts riechen und sie versuchte es nochmal. Als Kind war es als hätte sie durch ihre Poren am ganzen Leib gerochen, denn durch die Nase riechen konnte sie noch nie. Sie verspürte den Drang sich auszuziehen um atmen zu können. Jone sprang auf, zog sich so schnell sie konnte bis auf ihr Schlüpfer aus und hielt kurz inne. Sie schaute an sich hinab und wackelte mit den Zehen, die sie gleichzeitig aufmerksam beobachtete. Sie waren Rosa farbend lackiert. Sie hatte ziemlich große Füße und früher ärgerten sie in der Schule alle Kinder. "Big Foot" hatten sie immer geschriehen und gelacht. Heute gefielen ihr ihre Füße. Sie mochte dieses drahtige, was sich durch ihren ganzen Körper zog. Elias hatte sie immer getröstet und gesagt "Wenn dich einer schubst kippst du nicht um und deine Drahtigkeit ist ein Zeichen, dass du aus Stahl bist. Du bist die Stärkste und nichts haut dich um" Bei diesem Gedanken schaute sie auf ihre Hüfte, die sehr knochig war. Sie stand relativ weit nach vorne, ohne unestetisch zu wirken. Auf der linken Seite der Hüfte hatte sie eine lange Narbe. Diese Wunde war einmal sehr tief gewesen. Sie hatte sich aufgeschnitten, weil sie in einer Zeitschrift gelesen hatte, das man Stahl immer schön pollieren müsse, damit es ewig strahlt. Das von innen heraus strahlen hatte sie dummerweise völlig falsch in diesem Zusammenhang interpretiert. Sie wollte sich pollieren um neu strahlen zu können. Da war sie 14 gewesen und schon zwei Jahre nicht mehr zu Hause. Ihre Stiefmutter hatte ihr, als sie das sah, ins Gesicht geschlagen und geschriehen sie hätte noch nie so ein dummes Kind gesehen. Im Krankenhaus wurde sie wieder zusammengeflickt und der Arzt gab ihr eine Plastikspritze und einen Lutscher. Sie fand den Arzt sehr nett.

Jone blickte aus dem Fenster und atmete erneut tief ein. Sie versuchte den ganzen Körper an diesem einen Atemzug zu beteiligen und auf einmal roch sie etwas.

Eine Sonnenblume, Gerbera und Wicken. Sie schloss die Augen und versuchte ihre Umgebung zu erriechen. Sie roch Plastik, abgestandenen Kaffee. Sie roch Marmelade, die an einem Messer im Spühlbecken klebte. Es war als könnte sie die Rose an der Wand riechen. Sie schlug ihre Augen auf und öffnete das Fenster. Dann schloss sie die Augen wieder und roch Asphalt, Abgase, Müll.

So stand sie eine ganze Weile da. Bestimmt eine ganze Stunde. Sie atmete ein letztes Mal ein und roch ihren Mann. Sie konnte riechen, dass er sehr weit weg war, Holz umschloss ihn und da war noch ein anderer Geruch, ein kindlicher, und ein Geruch, der ihr Vertrauter war als alles andere : Leder, Tannengrün und Schweiß. Sie Roch eine Liebe, die tief aus dieser Person herausstrahlte : Elias.

 Sie riss die Augen auf. Erschrocken blickte sie sich um und zog sich rasch an. Dann schnappte sie sich das Telefon: "Geht heute noch ein Flug nach Bristol?"

 

 


 

1.8.11 18:42
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


L. / Website (3.8.11 20:46)
Hey. (:
Zeichnest du die Bilder selbst?

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